Die jüngste PR-Welle der Staatsanwaltschaft München, die ihren Niederschlag in der Süddeutschen Zeitung sehr häufig findet, weckte in mir alte Erinnerungen..
Eines schönen Tages (ich glaube es war 2004) wurde ich im Büro - ich war damals unter anderem für die Kundendatenbanken verantwortlich - von einem bizarren Besuch überrascht. Ein etwas zerschlissener Typ in Jeans betrat mein Büro, im Schulterhalfter eine Pistole bedrohlich baumelnd. Grußlos blaffte er mich an, wo denn die Computer mit den Daten stehen. Erst einen Anruf später (möglicherweise unter Einsatz meines Lebens in Anbetracht der bewaffneten Anfrage) fand ich heraus dass etwa 150 Beamte im Haus und vor dem Haus diesen Raid durchführten. Daraus zu schließen, die Staatsanwaltschaft hätte gewisse Begriffsverwechslungen (Drogenhandel - Handel mit Medikamenten) wäre möglicherweise zu einfach, aber doch nicht ganz auszuschließen. Vielleicht spielen auch in diesem Genre die Persönlichkeitsveränderungen durch die zunehmende Verbreitung von Gewaltvideos eine Rolle. Da auch die Presse offenbar geladen war, schließe ich aber daraus, dass mit einem massivem bewaffneten Widerstand gerechnet wurde und jedes Risiko ausgeschaltet werden sollte. Erstaunlich nur, dass bei diesen schon über mehr als vier Jahre praktizierten hochagressiven Aktionismus auch die Süddeutsche Zeitung hinsichtlich der Ergebnisse nichts Konkretes zu berichten weiß.
Die Durchsuchung selbst bringt natürlich kein Ergebnis. Wer etwas zu verstecken hat tut dies auf verschlüsselten Laufwerken oder stösst einen sicheren Löschprozess an, dem selbst bewaffnete Beamte nichts entgegen setzen können. Ein Auswerten der enormen Datenflut die unter anderem auf Servern lagert würde eine Heerschaft an Computer- und Branchenprofis erfordern um an die Daten zu gelangen und sie dann auch im entsprechenden Kontext zu verstehen. Was könnte also der Zweck einer solchen Untersuchung sein? Hier steht doch ganz klar der "mediale Event" im Vordergrund mit der Hoffnung eine erzieherische Wirkung für die Branche herbeizuführen. Die ist jedoch äusserst fragwürdig, denn einige Beispiele zeigen das manchmal "Bad Press" für eine Marke sogar eine positive Wirkung haben kann.
Für die Verantwortlichen der angeklagten Unternehmen bleibt ein solches Spektakel hier in Europa ohnehin meist ohne Konsequenzen. Während in USA TopManager auch gerne zu lebenslangen Strafen verurteilt werden (Enron), werden solche Personen hierzulande verschont (Volkswagen) und sogar noch mit saftigen Abfindungen in den Ruhestand geschickt nachdem sie sich und ihr familiäres Umfeld mit Insider-Wissen bereichert haben (Airbus). Hier müsste meines Erachtens die Legislative das Strafgesetz überarbeiten und nicht die Exekutive mit einer Inszenierung für das Abendprogramm beauftragen...
Kommentiert von: Knut Hirschfelder | 30. Juli 06 um 08:24 Uhr